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Auszug aus dem Interview der
Zeitschrift "Der Spiegel", Ausgabe 18/2005, mit Michael Wildt, 51, Historiker am Hamburger Institut für
Sozialforschung. über die junge Elite des Nationalsozialismus (Originaltitel:
"Männer ohne Grenzen").
"Spiegel: Professor Wildt,
Albert Speer wird mit 37 Jahren der mächtigste Minister (Rüstungsminister. Die
Red.), Heinrich Himmler mit 35 Jahren Chef der Deutschen Polizei, Reinhard
Heydrich mit 30 Jahren Chef der preusssichen Gestapo
- war das NS-Regime ungewöhnlich jung?
Wildt: Ja. Hitler, Jahrgang 1989, war einer der Ältesten in der
NS-Führung, darunter gab es eine junge Funktionselite, die vor allem den
Jahrgängen 1900 bis 1910 angehörte.
Spiegel: Was machte die Faszination des
Nationalsozialismus für diese Generation aus?
Wildt: Sie war gebannt von den Möglichkeiten, die ihr geboten wurden. Es
gab ja sehr viele Akademiker unter ihnen, ohne Aussichten auf einen Job. Von
den rund 13 000 Referendaren und Assessoren im juristischen Bereich zum
Beispiel fanden 1931 nur 980 eine Anstellung. Da eröffnete der
Nationalsozialismus nicht nur die Aussicht auf einen Arbeitsplatz, sondern auch
auf Verwirklichung der eigenen Weltentwürfe. ...
Spiegel: Die Faszination Speers wird oft darauf
zurückgeführt, dass er als Intellektueller aus der Entourage Hitlers
herausragte, in der ansonsten soziale Aussenseiter und gestrandete Existenzen
den Ton angaben. War Speer wirklich ein Einzelfall?
Wildt: Im Gegenteil, es gab sehr viele junge Akademiker wie Speer in den
NS-Führungsgremien. Diese Generation trug ja das System. Nehmen Sie das
Reichssicherheitshauptamt, die Terrorzentrale des NS-Regimes. Dort gehörten
drei Viertel der Führungsschicht den Jahrgängen 1900 und jünger an, zwei
Drittel hatten studiert, die Hälfte davon mit Promotion. Im Sicherheitspolizei-
und SD-Apparat insgesamt waren die Zahlen ähnlich.
Spiegel: Einer von Ihnen war der Volkswirt Otto Ohlendorf. Die allierten Richter
in Nürnberg zeigten sich fassungslos, wie ungerührt er zugab, als
Einsatzgruppenleiter in der Sowjetunion für die Ermordung von 90 000 Menschen
verantwortlich gewesen zu sein. Das Gericht verglich Ohlendorf
mit der Romanfigur Dr. Jekyll und Mr. Hyde, einer gespaltenen Persönlichkeit.
Hilft das als Erklärungsansatz?
Wildt: Die Wirklichkeit sieht noch schrecklicher aus. Ich denke, dass
dieser Elite jegliche Empathie fehlte, jedes Mitleid. Albert Speer hat von sich
gesagt, wenn man grosse Dinge vorhabe, müsse man ganz kalt sein. Monströse
Pläne wie das Germania-Projekt wurden für Massen, nicht für Menschen entworfen.
In den Siedlungsplänen für den Osten sollten ganze Völker vertrieben, versklavt
oder ermordet werden. ..."
Kommentar: Also auch damals galten die Alten, die
Erfahrenen, nichts mehr. Auch damals wussten die Jungen alles besser. in
den letzten 10 Jahren haben relativ alte, ziemlich empathielose Manager der
68er-Generation haufenweise ihre älteren, sozialkompetenten Kader durch junge,
willfährigere, nicht fragende oder widersprechende Funktionseliten
ersetzt. Es wird also wieder vermehrt auf unerfahrene, biegsame
Akademiker gesetzt, als ob diese bessere Menschen
wären (aber diese besseren Menschen werden auch heute - wie vor 70
Jahren - nicht speziell gesucht...). Just zu diesem Zeitpunkt (ca. vor 10
Jahren!) begann man ausgerechnet mit dem "neuen" Schlagwort
"Sozialkompetenz" zu jonglieren. Man spricht meistens von dem, was man
nicht hat... Kinder, achtet und ehret das Alter! Wann wird das wieder gelehrt?
Oder müssen sich die Älteren zuerst gegen die Jungen erheben? Gott bewahre uns
davor...
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